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Was hätten Friedensnobelpreisträger wohl zu spiritueller Entwicklung zu sagen? Wie würden diese Krieger des Friedens, diese pragmatischen Idealisten, den nächsten Entwicklungsschritt der Menschheit beschreiben? Gibt es eine spirituelle Dimension in ihrer Vision von einer Transformation unserer Welt? Im letzten Winter reiste Was ist Erleuchtung? zu einem Symposium anlässlich des 100. Jubiläums des Friedensnobelpreises in das norwegische Winteridyll Oslo, um einige der außergewöhnlichsten Freiheitskämpfer des zwanzigsten Jahrhunderts über den Weg der Menschheit in eine glückliche und friedvolle Zukunft zu befragen. Doch kaum waren dreißig der neununddreißig lebenden Friedensnobelpreisträger für eine dreitägige Diskussion über die „Konflikte des zwanzigsten Jahrhunderts und die Lösungen für das einundzwanzigste Jahrhundert” eingetroffen, da wurden sie von der Realität einer Welt, die vom Frieden weit entfernt ist, eingeholt. Mit dem Gewehr im Anschlag standen Scharfschützen an den strategisch wichtigen Stellen rund um eine umgebaute Berghütte, den Veranstaltungsort der Konferenz. In höchster Alarmbereitschaft warteten F-16-Kampfflugzeuge in ihren Hangars. Bewaffnete Polizisten und Hundestaffeln patrouillierten durch die ganze Stadt für den Fall, dass Osama bin Ladens Drohungen schreckliche Wirklichkeit werden sollten. Wie gefährdet war doch das Leben, insbesondere das dieser großartigen Persönlichkeiten, und wie zerbrechlich der Weltfrieden Vor diesem Hintergrund gewannen die Fragen, die Daniel Piatek von WIE an die Preisträger stellte, noch an Brisanz: Was ist erforderlich, damit sich die Menschheit über die Trennung, die Konflikte und die Ungerechtigkeit in unserer Welt hinaus entwickelt? Ist das, was wir brauchen, wirklich spirituelle Entwicklung, damit wir das menschliche Leben auf diesem fragilen Planeten wahrhaftig transformieren? Diese Männer und Frauen, die unter Einsatz ihres Lebens darum gekämpft haben, die Geschichte der Menschheit zu verändern, haben sich zweifellos viele Gedanken über unsere gemeinsame Zukunft gemacht. Und jeder dieser einzigartigen Menschen hat durch sein So-Sein, seine Leidenschaft für das Leben, durch Charakterstärke und seinen unerschütterlichen Glauben an unsere menschliche Fähigkeit, Veränderungen in Gang zu setzen, einen Beweis dargebracht, der unser Vertrauen in das Potential menschlicher Entwicklung stärkt. Wir haben die Ehre, Ihnen hier von sieben Friedensnobelpreisträgern Was ist erforderlich, damit sich die Menschheit über die Trennung, die Konflikte und die Ungerechtigkeit in unserer Welt hinaus entwickelt? Ist das, was wir brauchen, wirklich spirituelle Entwicklung, damit wir das menschliche Leben auf diesem fragilen Planeten wahrhaftig transformieren? Erzbischof Desmond Tutu ICH HOFFE, WIR KÖNNEN nun mehr und mehr erkennen, dass wir alle als Abbild Gottes erschaffen wurden, dass wir alle Gott in uns tragen. Die Evolution, von der die Rede ist, bedeutet, dass wir erkennen, dass uns als Menschen Güte innewohnt, und dass wir erstaunlicherweise für Transzendenz, Schönheit, Glück und Anteilnahme geschaffen sind. Sehr viele Menschen sind sich ihres Erbes nicht bewusst. Mancherlei bestürzende Ereignisse führen uns, sozusagen, zu unserer Quelle zurück, zu unseren Wurzeln. Wenn wir begreifen, dass wir verletzlich, dass wir nicht allmächtig sind, werden wir vielleicht erkennen, wo unsere wahre Sicherheit liegt. Erzbischof Desmond Tutu erhielt den Friedensnobelpreis 1984 für seinen Einsatz zum Beenden der Apartheid in Südafrika. Nachdem er jahrzehntelang gegen heftigen Widerstand durchgehalten hatte, war seine Kampagne für gleiche Rechte, allgemeine Bildungsstandards, die Abschaffung ungerechter Ausreisegesetze und das Beenden der erzwungenen Deportation von Schwarzen schließlich erfolgreich. Durch seine couragierte politische Haltung und sein tiefes spirituelles Vertrauen, war Tutu in der Lage, die religiösen Rassengrenzen zu durchbrechen und der erste schwarze Vorsitzende des nationalen südafrikanischen Kirchenrats zu werden. Rigoberta Menchu Tum Im Exil lebende Guatemaltekin und internationale Anwältin für die Rechte eingeborener Völker. UNSERE RELIGION, unsere Art zu leben und unsere Nähe zur Natur sind sehr wichtig. Die Kultur unserer Vorfahren geht sehr tief und hat starke Werte, die uns Hoffung auf die Zukunft geben und uns dabei unterstützen, unseren Blick auf eine bessere Welt zu richten. Wir haben so viel zu lernen, wie wir um der Zukunft willen zu leben und uns zu verhalten haben. Unsere Religion gibt uns die Stärke und den Willen, dies zu tun. Viele von uns haben keine Macht. Die Macht liegt in anderen Händen. Doch ja, es muss eine umfassendere Art des Sehens geben, wo wir nicht nur an uns selbst denken, sondern an das Ganze. Es ist sehr wichtig, dass wir alle für den Frieden und die Menschenrechte arbeiten. Wir müssen uns um die Verteidigung der Wahrheit kümmern. Und die Nobelpreisträger haben eine wichtige Funktion, nämlich zu sagen: „Da ist ein Problem. Wir kennen die Wahrheit und wir haben eine Vision für die Zukunft.” Rigoberta Menchu Tum erhielt 1992 den Friedensnobelpreis. In einer armen Maya Familie geboren, begann Menchu Tum schon als Jugendliche, im Rahmen der katholischen Kirche für soziale Reformen zu arbeiten. 1981 musste sie aus ihrer Heimat Guatemala fliehen, nachdem ihre Familie wegen ihres Widerstandes gegen das Militärregime brutal gefoltert und danach ermordet worden war. Im Exil veröffentlichte Menchu Tum als direkt Betroffene einen eindringlichen Bericht über die Krise in Guatemala und vermittelte Millionen Menschen eine deutliche Vorstellung von dem tragischen Missbrauch der Menschenrechte in Zentralamerika. Unter großen Gefahren für ihr eigenes Leben setzt sie sich weiterhin in der gesamten westlichen Welt für soziale Gerechtigkeit, Demokratie und die ethnischen Rechte eingeborener Völker ein. Lech Walesa Führer der polnischen Arbeiterbewegung „Solidarnosc”. ES SAGT SICH LEICHT, dass wir aufwachen und uns weiterentwickeln sollen, aber wie sollen wir das machen? Wir dürfen nicht
Lech Walesa erhielt 1983 den Friedensnobelpreis. Als Elektriker aus Gdansk [Danzig] führte Lech Walesa die polnische Arbeiterbewegung Solidarnosc an, die Organisation, deren Verdienst es ist, den legendären „Eisernen Vorhang” eingerissen und die lange Ära der sowjetischen Kontrolle über Osteuropa beendet zu haben. Sich auf seinen tiefen katholischen Glauben verlassend und mit beispielloser Unterstützung durch den Papst leistete Walesa mutig Widerstand gegen das russische Kriegsrecht und half dabei, das polnische Volk mit dem Wahlspruch „Für unsere und für eure Freiheit” zu einer demokratischen Selbstverwaltung zu führen. Seine Heiligkeit, der Dalai Lama IM ALLGEMEINEN SPRECHE ICH von zwei Ebenen der Spiritualität. Eine Art von Spiritualität hat mit Glauben zu tun. Die andere ist nicht notwendigerweise religiöser Glaube; sie hat mit menschlichen Qualitäten wie dem Gefühl der gegenseitigen Fürsorge, Gemeinschaftssinn und dem Sinn für Verantwortung zu tun. Wir können ohne religiöse Führung in einer glücklichen Welt leben, aber eine glückliche Welt ohne menschliche Qualitäten ist nicht möglich. In diesem Kontext haben spirituelle Traditionen die wichtige Aufgabe, grundlegende menschliche Werte zu fördern und zu verbreiten und so zu einer von Mitgefühl geleiteten Weltgemeinschaft beizutragen. Bildung, nicht notwendigerweise ein religiöser Staat, wird der Menschheit dabei helfen. Seine Heiligkeit, der Dalai Lama erhielt den Friedensnobelpreis im Jahre 1989. Das geistige und weltliche Oberhaupt Tibets führte sein Volk 1959 ins Exil, als die chinesische Regierung gewaltsam sein Heimatland besetzte. In den letzten vier Jahrzehnten hat ihm sein unermüdlicher Einsatz für gewaltfreien Widerstand und sein Aufruf zu Mitgefühl angesichts des Todes von über einer Millionen Tibetern und der systematischen Zerstörung ihrer Religion, Kultur und natürlichen Umwelt, den Respekt, die Verehrung und die Liebe von Millionen Menschen in der ganzen Welt eingebracht. Jody Williams Gründungskoordinatorin der Internationalen Kampagne zur Beseitigung von Landminen ICH BIN MIR NICHT SICHER, ob die Veränderung, die wir brauchen, spiritueller Natur sein müsste. Wenn ich mir die klassische jüdisch-christliche Spiritualität ansehe: die Gräueltaten, die im Namen Gottes begangen wurden, sind abstoßend. Doch, ich glaube wirklich, dass eine Veränderung unserer Welt in bedeutendem Maße mit einer Ethik des Lebens zu tun hat, die auf der Tatsache basiert, dass wir im Grunde von den Anderen nicht getrennt sind. Wenn wir die Welt nicht in „Sie-und-Wir” oder „Du-bist-mein-Feind-und-ich-bin-der-Gute” unterteilten, würde das ganz offensichtlich die Art und Weise, wie Konflikte gelöst werden, verändern; denn es gibt kein „Sie-gegen-uns” sondern vielmehr ein „Wir-gegen-uns”. Es ist auf die eine oder andere Weise unser Problem: Wie gehen wir zur Besserung von allem damit um? Religiöse Führer haben Einfluss, und ich denke, der erste Schritt wird durch religiöse Führer getan Jody Williams und der Internationalen Kampagne zur Beseitigung von Landminen wurde der Friedensnobelpreis 1997 verliehen. Williams gründete 1992 die ICBL (International Campaign to Ban Landmines), um die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Unmenschlichkeit der Landminen zu lenken und ihrer Verwendung auf der ganzen Erde ein Ende zu setzen. Was zunächst wie eine unrealistische utopische Bewegung ausgesehen hatte, wurde innerhalb eines halben Jahrzehnts erreicht: die Unterzeichnung eines internationalen Vertrags gegen den Gebrauch von Anti-Personen-Landminen. ICBL wird nun in mehr als 60 Staaten von über tausend nicht regierungsbezogenen Organisationen offiziell unterstützt. Oscar Arias Sanchez Ehemaliger Präsident von Costa Rica JA, WIR MÜSSEN UNSERE SICHTWEISE und unsere Werte ändern. Aber ich glaube nicht, dass dies nur von der Spiritualität kommen kann. Wir können nicht länger so heuchlerisch, so zynisch, so selbstsüchtig bleiben. Diese Werte müssen durch Solidarität, Mitgefühl, Gerechtigkeit und Großzügigkeit ersetzt werden. Tatsache ist, dass die Bevölkerung der Entwicklungsländer in vierzig Jahren auf das Siebenfache der Industriestaaten anwachsen wird. Wir können damit nicht so weitermachen, dass wir die grundlegenden Probleme an der humanitären Front nicht angehen. Es ist die Verantwortung eines jeden von uns Oscar Arias Sanchez wurde 1987 der Friedensnobelpreis verliehen. Bekannt als ein Mann des Volkes hat Sanchez während der letzten drei Jahrzehnte unermüdlich daran gearbeitet, in Mittelamerika humanitäre Angelegenheiten national und international an die oberste Stelle der politischen Tagesordnung zu bringen. Als Initiator eines bahnbrechenden Friedensvertrages zwischen fünf mittelamerikanischen Staaten hat Sanchez ein Klima der Zusammenarbeit und des Respekts für das Zivilrecht und die Menschenrechte erreicht, und das in einem geografischen Bereich, der lange Zeit durch Grenzspannungen, Unterdrückung durch Regierungen und Bürgerkrieg betroffen war (factionalized). Mairead Corrigan Maguire Mitinitiatorin der nationalen Friedensbewegung in Nordirland AUCH ICH BIN DER AUFFASSUNG, dass wir die Universalität der menschlichen Erfahrung anerkennen müssen. Der Geist der Liebe und des Mitgefühls, der Geist der Würdigung des Lebens und der Schöpfung ist von großer Bedeutung. Jeder von uns geht seinen eigenen spirituellen Weg; zu Weisheit Mairead Corrigan Maguire wurde 1977 zusammen mit Betty Williams mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Als ihre kleinen Neffen und ihre kleine Nichte bei den Gewaltakten des Bürgerkriegs, von denen Irland in den letzten dreißig Jahren heimgesucht wurde, versehentlich getötet wurden, ging Corrigan Maguire für den Frieden auf die Straße. Ihre Basisbewegung „Peace People” hat die größte gewaltfreie Demonstration in der Geschichte Nordirlands organisiert, an der in der Zeit des größten Blutvergießens über eine halbe Million Menschen teilnahmen. Die Arbeit der Organisation für eine gewaltlose Lösung des Nordirlandkonflikts hat in England, Irland und der internationalen Gemeinschaft breite Unterstützung gefunden.
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