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Das große Teehaus Debakel von Bombay


„Wurde Chris Parish im Teehaus erleuchtet?”
Andrew Cohen und Ken Wilber im Dialog
 




Es begann alles ganz harmlos. Zuerst schien es einfach nur ein weiteres Interview zu sein. Als jedoch die 14. Ausgabe von What is Enlightenment? im Herbst 1998 (dt. Ausg.: WIE 03) mit einem Artikel unter der Überschrift „Unheimliche Begegnung der Advaita-Art: Der euphorische Nihilismus des Ramesh Balsekar” an die Kioske kam, nahmen die Dinge eine unerwartete Wendung. Und wir befanden uns bald inmitten einer überraschenden Auseinandersetzung... Doch bevor wir weitergehen, lassen Sie mich Ihnen ein paar Hintergrundinformationen geben. Ramesh Balsekar ist ein im indischen Bombay lebender spiritueller Lehrer, der unter westlichen Suchenden einigermaßen bekannt ist. Er lehrt seine eigene, einzigartige Version der hinduistischen Advaita Vedanta-Philosophie, spirituelle Erleuchtung anbietend, die auf einer völlig deterministischen Sichtweise des menschlichen Lebens basiert. Für die oben erwähnte Ausgabe reiste unser Reporter Chris Parish nach Bombay und machte mit Balsekar ein ausführliches Interview. Er war neugierig darauf, die faszinierende Idee einer Freiheitslehre zu verstehen, die jeglichen freien Willen bei menschlichen Angelegenheiten verneint. In einem Nachwort zum Interview schrieb Chris die folgenden Zeilen:
Als ich am Türsteher vorbei hinaus auf Bombays geschäftige Straßen stolperte, drehte sich alles in meinem Kopf. Wie konnte es sein, fragte ich mich, als ich mir den Weg durch die Menge bahnte, dass ein intelligenter, gebildeter Mensch wie Ramesh Balsekar wirklich glauben konnte, dass alles vorherbestimmtdass unser Schicksal bereits vor der Geburt in eine Art ätherischen Granit gemeißelt wäre? Konnte er es wirklich ernst meinen, als er darauf bestand, dass unser gesamtes Leben mit seinem anscheinend endlosen Strömen von Wahlmöglichkeiten und Entscheidungen, von Gelegenheiten, unseren Kurs zum Guten oder zum Schlechten zu lenken, in Wahrheit vom ersten Atemzug an ein Fait accompli sein soll?... Zu sagen, dass Jesus oder Ramakrishna oder Ramana Maharshi sich Gottes Willen hingegeben hätten, ist eine Sache. Doch zu sagen, dass dies für jeden Menschen gälte, schien in diesem Augenblick eine besondere und sogar gefährliche Form von Verrücktheit widerzuspiegelnund noch dazu eine, die dazu verwendet werden konnte, selbst die extremsten Verhaltensweisen zu rechtfertigen. Balsekars Aussage „Das, was du glaubst, in einer bestimmten Situation tun zu müssen,... ist genau das, was du nach Gottes Willen glauben sollst, tun zu müssen” bedeutet, dass für ihn der erleuchtete Buddha nicht mehr dem Willen Gottes entsprechend handelt als ein Serienmörder, der sein nächstes Opfer angreift.
Plötzlich tauchte aus dem Smog das „Willkommen”-Schild einer Teestube auf, und als ich eintrat war ich erleichtert, solch eine ruhige Oase zu finden, wie ich sie mir erhofft hatte. Hier, an einem der vielen leeren Tische, als der erste Schluck eines übersüßten Milchtees über meine Lippen kam, war ich wie vom Blitzschlag getroffen: Nicht ich trank da Tee! Nicht ich saß am Tisch! Es war eine Tatsache, dass es nicht ich war, der die Teestube betreten hattet... Es war eine Tatsache, dass nicht ich es war, der überhaupt etwas getan hatte. Es war, als würde eine Last, die ich mein ganzes Leben lang getragen hatte, plötzlich von einem Heißluftballon zum Himmel gehoben, weggewischt, um niemals wiederzukehren. All die Jahre, die ich darum gekämpft hatte, ein besserer, ehrlicherer, großzügigerer Mensch zu seinall die Anstrengungen, die ich gemacht hatte, um meine Neigungen zur Überheblichkeit, Selbstsucht und Aggression aufzugebenall das war eine dumme Torheit gewesen, töricht und überflüssig auf der Basis der überheblichen Vorstellung, dass ich so etwas wie Kontrolle über mein eigenes Schicksal hätte, und der belanglosen Annahme, dass das, was ich „anderen” antue, eine Rolle spielte. Wie hatte ich nur so in die Irre geführt werden können? Doch halt, es war ja nicht ich, der so in die Irre gegangen war! Wie durch eine aufbrechende Wolkendecke konnte ich jetzt plötzlich erkennen, dass das, was ich bisher als „mein Leben” gesehen hatte, in Wirklichkeit nur ein mechanischer Prozess war. Die Person, von der ich dachte, dass ich sie sei, war einfach nur eine Maschine. Und die Welt, von der ich dachte, dass ich in ihr leben würde, war nicht, wie ich bisher annahm, eine Welt von menschlicher Komplexität, sondern eine Welt von mechanistischer Einfachheit, eine perfekte Ordnung, seit Anbeginn der Zeit ein mathematischer Ablauf von Programmen. Als sich mir die klinische Vollkommenheit von Gottes wissenschaftlichem Plan erschloss, begann eine ekstatische Welle absoluter Freiheitfrei von Sorgen, von Anteilnahme, von Verpflichtungen, von Schuldwie ein reißender, alle Dämme brechender Strom durch meine Adern zu schiessen. Und damit einher ging ein sich entfaltender, überwältigender Friede, eine vollkommende Auflösung von allen Spannungen, in der Erkenntnis, dass, ganz gleich, welche scheinbaren Mehrdeutigkeiten oder Unsicherheiten mir im weiteren begegnen würden, ganz gleich, welchen scheinbar schwierigen Entscheidungen ich gegenüberstehen würde, ich immer sicher sein könnte, dass welche Entscheidung auch immer ich treffen würde, es genau die Entscheidung sein würde, die Gott von mir wollte. Die mysteriöse Empfindung von etwas Unbekanntem, das mich seit langem hin und her zieht, hatte sich in Luft aufgelöst. Als ich laut auflachte, ein langes Lachen aus dem Bauch heraus, schauten sich die anderen Gäste in der Teestube nach mir um, und ich amüsierte mich darüber, was für ein fantastisches Spiel das Leben wohl wäre, wenn jeder verstünde, wie das alles wirklich funktioniert, wenn jeder zumindest einen Schimmer davon bekäme, wie frei wir sein würden, wenn wir alle auf dem Planeten Advaita leben könnten.
Während es unter unseren Lesern erhebliche Verwirrung über den Sinn und Zweck dieser Worte gab, so ist doch eines klar. Wir hatten eine einfache Absicht beim Schreiben dieser Wortezumindest schien es damals so. Die Teestubengeschichte war, mit einem Wort, Satire. Tatsächlich machten wir uns anfänglich Sorgen darüber, dass der Text als zu kritisch aufgenommen werden könnte, was zeigt, wie völlig unvorbereitet wir für das waren, was darauf geschah. Als diese Ausgabe in die Kioske kam und sich die Leserpost Wochen und Monate lang über uns ergoss, war uns klar geworden, dass es uns gelungen war, Parishs „Erwachen” in der Teestube in Bombay glaubwürdig klingen zu lassen. Tatsächlich übertraf der Erfolg noch unsere kühnsten Erwartungen. Viele unserer Leser verstanden das Nachwort nicht als eine provokative Betrachtung der erschreckenden Auswirkungen von Balsekars „euphorischem Nihilismus”, sondern als tiefgründige und inspirierende Beschreibung einer wahren spirituellen Verwirklichung. Einige schrieben uns und bedankten sich für den wohlwollenden Nachtrag zu Balsekars Ideen und andere brachten sogar ihre tiefe Dankbarkeit dafür zum Ausdruck, dass wir ihnen geholfen hatten, sich von der andauernden Last ihres eigenen Gewissens zu befreien. Und dann erreichte uns ein Brief des Meisters selbst, worin stand dass er über den Artikel „entzückt” sei, und dass der Artikel „genau” seiner Lehre entspräche. Obwohl Parish den Lesern in der darauffolgenden Ausgabe von WIE einen Hinweis zu geben versuchte, indem er erklärte, dass „der Planet Advaita zwar ein schöner Ort für einen Kurzbesuch [ist]”, er aber „definitiv nicht dort leben möchte”, vermochte das die wachsende Kontroverse nicht einzudämmen. Eine Flut von Briefen kam bei uns an, argumentierend, debattierend und verschiedene Aspekte der Sache verteidigend. Ein Leser nahm sogar Kontakt mit uns auf und bat um die Erlaubnis zum Nachdruck des Artikels in seinem kommenden Buch als einer ungewöhnlich klaren Beschreibung der moralischen Auswirkungen, die ein tiefgehendes spirituelles Erwachen hat.
Uns trafen die Reaktionen auf den Artikel völlig unvorbereitet und es wurde uns klar, dass wir unser Ziel mehr als nur verfehlt hatten. Wir hatten es irgendwie fertig gebracht, im Verständnis vieler Menschen genau denjenigen Vorstellungen Legitimität zu verleihen, die wir auf eine spielerische Weise hinterfragen wollten. Es war nun an der Zeit, so entschieden wir, die Sache zu klären und der Wettbewerb „Wurde Chris Parish im Teehaus erleuchtet?” wurde geboren.
Wir freuen uns nun, in dieser Ausgabe von WIE die Gewinner des Wettbewerbs, der in englischsprachigen Ausgabe zum zehnjährigen Jubiläum vor sechs Monaten gestartet wurde, bekannt geben zu können, um den Schlusspunkt für eine Geschichte zu setzen, deren Drehungen und Wendungen unseren möglichen Vorhersagen immer um einige Schritte voraus schienen. Wir möchten uns auch bei jedem für seinen Beitrag bedankenspeziell für den unerwarteten Posteingang aus Bombay, direkt vom Schreibtisch Ramesh Balsekars persönlich. Und obgleich es nicht Gottes Wille zu sein schien, dass Hr. Balsekar diesen besonderen Wettbewerb gewinnt, so schätzen wir doch seine wohlmeinende Teilnahme. Was immer auch Chris Parish an diesem Morgen vor vier Jahren in der Teestube in Bombay erfuhr, wir sind uns ziemlich sicher, dass er Satsang-Kreise nicht so bald in Brand setzen wird. Es sei denn, natürlich, Gott hat andere Pläne.


Wurde Chris erleuchtet?
Was einige unserer Leser denken:

JA
Ja, es ist offensichtlich, Chris wurde erleuchtet.
  Ha, ha, ha, ha… Chris ist bereits erleuchtet. Sein Interview mit Ramesh Balsekar war einfach nur der Schock, den er brauchte, um zu erkennen, was bereits da ist.
  Beim Lesen von Chris Parishs Dialog mit dem Meister und speziell beim Nachwort, fühlte ich eine solche Erleichterung und Freude, als wenn eine schwere Last von meinem Leben genommen worden wäre. Wärme durchströmte mich, und ich fühlte mich frei von Scham und Schuld.
  Es gibt keinen „Er”, welcher irgendetwas wurde! Zur richtigen Zeit und am richtigen Ort berührte die Gnade des Guru Körper/Geist denjenigen, der unter dem Namen Chris bekannt ist, und das persönliche „Ich” (Ego) wurde zur unpersönlichen „Istheit”.

NEIN
Chris wurde ganz sicher nicht erleuchtet.
  Chris? Es gibt keinen Chris der erleuchtet werden kann. Die Aussage, dass „Chris” erleuchtet wurde, beinhaltet die Illusion eines persönlichen Tuns.
  In Chris' Sicht fehlt die allumfassende Sicht der Wirklichkeit, die beweisen würde, dass er aus einem simultanen Bewusstsein aller Wirklichkeitsebenen heraus handelt, physisch, psychisch, emotional, astral...
  Ich mag es nicht, wenn beurteilt werden soll, ob jemand erleuchtet ist oder nicht. Wenn das bei Chris der Fall ist, dann freue ich mich für ihn. Wenn er denkt, dass er erleuchtet ist, wer bin ich dann zu sagen, dass er es nicht ist. Bleib dran, Chris! Du bist der einzige, der hier etwas zu sagen hat, wenn es darum geht, ob du erleuchtet bist oder nicht. Es ist allein dein Weg. Du musst verstehen, was es für dich bedeutet.
  Chris muss nun seine Berufung/seinen Dharma finden und praktizieren, um die Fähigkeit zu vertiefen, sich in diesem Zustand zu stabilisieren. Sonst wird sich das Ego wieder durchsetzen.
  Wenn Chris denkt, dass er nicht erleuchtet ist, dann ist er ein Dummkopf. Wenn er denkt, dass er erleuchtet ist, dann ist er ein noch größerer Dummkopf. Frage einfach irgendeinen Frosch. Plop!


DIE Besten Antworten

Gila Hanck-Mahlberg
  Nein: Ehrlich gesagt, für mich war die Geschichte im Nachwort einfach nur eine gute Erfindung. Zumindest der letzte Satz: „Wie frei könnten wir alle sein, wenn wir alle auf dem Planeten Advaita leben würden,” war der entscheidende Hinweis für alle Sherlock Holmes' unter den Lesern, der Beweis, dass die Geschichte eine Fälschung war.

Graham Giles
  Nein: Ich glaube, dass der Hauptgrund, warum die Leute Chris' Parodie einer spirituellen Erfahrung in einem Kaffee- haus in Bombay ernst nahmen, anstatt sie als eine freie Erfindung zu erkennen, der ist, dass sie die Richtigkeit dessen, was ihnen über Chris gesagt wurde, nicht anzweifelten; im Übrigen war es sehr gut und überzeugend geschrieben.

Stephen Gugliucci
  Nein: Aus Herrn Parishs „bewusstseinsverändernd”-verdrehtem Buddhismus/Atheismus und Verändern von Karma entnehme ich, dass das Nachwort ironische Satire vom Feinsten ist.

Charles Morel
  Nein: Anstelle von Erleuchtung hatte Chris offensichtlich das Gefühl, sich in einer Folge von Twilight Zone [eine ameri-kanische Fernsehserie] zu befinden, mit einem typischen Rod Serling [Drehbuchautor der Serie]-Beginn. Aber er sollte sich deswegen aus zweierlei Gründen nicht schlecht fühlen: Folgt man Ramesh Balsekar, dann existiert 1. kein „er” welches sich schlecht fühlen könnte, und 2. war es Gottes Wille, dass er nicht erleuchtet wurde.


Carter Phipps


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