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Die Boomeritis & Ich:


Nicht nur eine Buchbesprechung
von Elizabeth Debold
 

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Einleitung



Boomeritis
von Ken Wilber
Ich bin ein Boomer. In der Blütezeit der Boomer-ära aufgewachsen, geboren 1955und boome immer noch, was das Zeug hält.
Seit ich Anfang der siebziger Jahre volljährig wurde, bin ich bei praktisch jeder Paradigmen sprengenden, revolutionären Bewegung mit dabeigewesen (ich war sogar Co-Autorin des Buches Die Mutter-Tochter-Revolution, das davon handelt, wie Mütter die Zukunft verändern können, indem sie ihre Töchter anders erziehen). Dessen bin ich mir sicher: Worauf ich mich einlasse, hat das Potenzial, die Welt, wie wir sie kennen, von Grund auf zu verändernsie von den unsäglichen Schrecken des Patriarchats, des Rassismus, der Klassenunterdrückung zu befreien. Wieso? Weil ich ein Boomer bin, und Boomer verändern doch die Welt. Ist es nicht bester Boomer-Stil, dass der spirituelle Weg, den ich eingeschlagen habe, evolutionär, revolutionär und wie dafür gemacht ist, die Welt zu ändern? Natürlich hatte ich mich nie als Boomer gesehen, bis ich Ken Wilbers Buch Boomeritis (Shambhala Publications 2002) las, seine vernichtende und oft hinreißend komische Kritik an der Boomer-Hybris. (Das ist vermutlich ein weiteres Merkmal der Boomer: zu einzigartig zu sein, um Teil von etwas so Banalem wie einer Generation sein zu können.) Boomeritis hat mich mit dem Erbe meiner Generation konfrontiert, mit meiner eigenen Boomeritis. Wie Ken Wilber klarstellt, versperrt die Boomeritis nicht nur den Weg zu unserer kollektiv-kulturellen Evolution, sondern zerstörtwie ein Ebola-Virus des Bewusstseinsdie Möglichkeit einer echten spirituellen Transformation des Individuums von Innen heraus. Und ganz von Nahem und sehr persönlich gesehen weiß ich auch: Ich bin ein ziemlicher Fall von Boomeritis.

Was ist diese Boomeritis nun eigentlich? Um es vorweg zu sagen, sie ist nicht nur etwas, das die Boomer-Jahrgänge von 1946 bis 1964 betrifft. Nach Ken Wilber ist „Boomeritis ganz einfach



mit Narzissmus infizierter Pluralismus”. Das klingt relativ harmlos. Pluralismus ist, einfach gesagt, unsere gegenwärtige soziale Realität, in der sich verschiedene Rassen, Völker und religiöse Gruppierungen innerhalb einer Kultur vermischen. Wilber bezieht sich jedoch auf etwas ganz Spezifischesauf die intellektuelle Kapazität, die durch jene soziale Realität zustande kommt: die Fähigkeit, Unterschiede zu schätzen, zu verstehen, wie unterschiedliche Kulturen ihre Realität konstruieren, und eine Identität oder ein Selbst zu gestalten, das über den familiären und kulturellen Horizont hinausgeht. Zufällig spielen die Boomer bei dieser Entwicklung eine besondereund natürlich einzigartigeRolle. Wilber schreibt: „Die Boomer waren, das muss man zu ihrer Ehre erwähnen, die erste große Generation der Geschichte, die [jene Fähigkeit] entwickelte. Das ist ein sehr bedeutender Punkt. … Die Boomer gingen über die [vorhergehenden kulturellen] Epochen des Traditionalismus und ... der wissenschaftlichen Moderne ... hinaus und bahnten den Weg für ein postmodernes, pluralistisch-multikulturelles Verständnis....Genau aus diesem Grund wurden sie die Vorkämpfer für die Bürgerrechte, den Umweltschutz, den Feminismus und die multikulturelle Vielfalt. Dies ist die ‚gute' Seite dieser Mischung, der wirklich beeindruckende Aspekt der Boomer-Generation und der explosiven Revolutionen der sechziger Jahre...”. Diese Revolutionen, so einseitig sie auch gewesen sein mögen, haben unsere Ansichten über die menschlichen Möglichkeiten unwiderruflich geändert und das Profil der menschlichen Identität neu gezeichnet. Und der ‚schlechte' Teil? Der Narzissmus, natürlich. Wilber ist gewiss nicht der einzige, der bemerkt hatwie könnte man es auch übersehen?!dass die Boomer-Generation, die sich ohne Hemmungen, ja sogar mit Stolz den Namen „Ich-Generation” gegeben hat, mehr als nur ein bisschen in sich selbst stecken geblieben istund die nachfolgenden Generationen mit etwas Klebrigem versehen hat. Christopher Lasch's Bestseller The Culture of Narcissism und Habits of the Heart von Professor Robert Bellah et al. dokumentieren wunderbar prägnant, wie selbstbezogen und isoliert wir wirklich sind. Engagierte Kritiker sind daran verzweifelt, wie diese übertriebene Beschäftigung mit sich selbst das soziale Gefüge zerrissen hat und haben in dem Bestreben, Ordnung in das Chaos zu bringen, das durch diese beispiellose Selbstbezogenheit entstanden ist, vergeblich nach einer Rückkehr zu den traditionellen Werten gerufen. Doch derartige Probleme lassen sich niemals mit dem Blick auf die Vergangenheit lösen. Die Welt verändert sich mit Warp-Geschwindigkeit, und es gibt weder einen Weg zurück, noch ein „Zurück”, zu dem man gehen könnte. Wilber jedoch macht, was vor ihm kein anderer Kulturkritiker geleistet hat: Er arbeitet nicht nur bis ins letzte, quälende Detail die zersetzende Wirkung „dieser seltsamen Mischung aus hoch-kognitivem Leistungsvermögen … infiziert mit eher niederem emotionalen Narzissmus” heraus, er stellt sie auch in einen evolutionären Kontext und zeigt der Menschheit dadurch eine Möglichkeit auf, wie sie über die Boomeritis hinausgehen kann. Die Lösung für das Problem des Boomer-Narzissmus können wir nicht finden, indem wir in die Vergangenheit zurückblicken, sondern nur, indem wir erkennen, was die Zukunft von uns fordert. Wilber hält uns vor Augen, wie entscheidend der gegenwärtige Zeitpunkt tatsächlich istdenn jenseits der sozialen Fragmentierung, die sich durch den Egoismus der Boomer noch verschlimmert hat, liegt das Potenzial für eine ganzheitlichere, integrale Zukunft.

Wilber zeigt uns, dass jenseits der Boomeritis ein Quantensprung des Bewusstseins auf uns wartet, den die Boomer- Generation nebst ihrer in Ironie gehüllten Nachkommen, den Generationen X und Y, verhindern. Anhand der Entwicklungsspirale von Don Beck und Christopher Cowan [siehe S. 57] als einem evolutionären Entwurf zeigt Wilber, worum es bei diesem Sprung geht und weshalb es so entscheidend ist, dass die Boomer über sich selbst hinauswachsen. Bis zu diesem Zeitpunkt drehte sich jede kulturelle Entwicklung im Grunde immer nur ums Überleben, angefangen mit dem Kampf ums rein physische Überleben vor hunderttausenden von Jahren. Das menschliche Bewusstsein hat im Laufe der Menschheitsgeschichte immer raffiniertere innere (psychologische) sowie äußere (technologische) Überlebensstrategien entwickelt. Bis in unsere Gegenwart hinein, so Beck und Cowan, drehte sich die Bewusstseinsentwicklung des Menschen um die Ausarbeitung verschiedener komplexer werdender Strategien zum Schutze eines komplexer werdenden Selbst in einer komplexer werdenden Welt. Anders ausgedrückt, im Verlauf der menschlichen Entwicklung löste eine Form des Narzissmus die nächste ab, eine Methode, das Selbst intakt zu erhalten, die nächste. Der Grund, weshalb der Boomer-Narzissmus so außerordentlich bösartig und schädlich ist, liegt in seiner ausgefeilt heimtückischen Raffinesseund der Tatsache, dass nur ein Jota von ihm entfernt die Möglichkeit zu einer vollkommen anderen Beziehung zum Leben liegteiner Beziehung, die nicht von der Angst ums physische und psychologische Überleben angetrieben wird. Wenn wir diesen Sprung tun, werden sich uns ganz neue Wege eröffnen, mit den anhaltenden Problemen umzugehen, die uns an den Rand der Vernichtung gebracht habender schleichenden Zerstörung der Biosphäre, den endlosen Kriegen der Völker untereinander, der Überbevölkerung und dem Hunger in der Welt, um nur einige zu nennen. Im strahlenden Lichte dessen, was möglich ist, erscheint Boomeritis aggressiv anti-evolutionär.

Dieser Schritt aus der Boomeritis ist wahrlich keine Kleinigkeit. Der Kontext, die Konsequenzen und der Preis sind enorm. Doch das ist auch das Inspirierende an diesem einzigartigen Moment im Drama der Menschheit. Wir haben wirklich die Wahl, uns an der Evolution zu beteiligen: Worauf vertrauen wir mehr, unserem aufs Überleben gedrillten Verstand oder dem evolutionären Fluss des Lebens? Diese Wahl ist von essenziell-spiritueller Bedeutung, betrifft sie doch unser tiefstes Verständnis dessen, wer wir sind und worum es im Leben geht. Wilber dokumentiert all die verschlungenen Wege, auf denen wir Boomer unseren vom Narzissmus beherrschten Verstand in den Mittelpunkt des Universums laviertenund mit unbeugsamer Überheblichkeit die bloße Selbsterhaltung wählten, anstatt das Wagnis einzugehen, uns mit der Evolution in Einklang zu bringen. Der Narzissmus, so Wilber, ist eine facettenreiche Überlebensstrategie, die wir entwickelt haben, um das psychologische Selbst vom Rest des Lebens getrennt zu halten:
Im Wörterbuch lautet die Definition: Narzissmus ist ein übermäßiges Interesse an der eigenen Person, der eigenen Bedeutung und Größe, den eigenen Fähigkeiten; Egozentrik. Den Klinikern zufolge ist die innere Befindlichkeit des Narzissmus die eines leeren oder fragmentierten Selbst, das verzweifelt versucht, diese Leere zu füllen, indem es sich selbst erhöht und andere erniedrigt. Die emotionale Grundstimmung ist ein Niemand-hat-mir-zu-sagen-was-ich-tun-soll!
Boomeritis spaltet die Seele: Ein verzweifelt narzisstisches Vertrauen in die Finesse und das geistige Potenzial des eigenen Verstandes geht uns über die unsere Herzen beseelende Kraft des Lebens. Diese Spaltung zerstört die Möglichkeit einer spirituellen Transformation, die für unsere kollektive Evolution unabdingbar ist.

„Sehr interessantund auf sehr viele trifft das sicher zu, allerdings nicht auf michwarum auch, ich bin doch ein sehr spiritueller Mensch!” Das wäre die klassische „Ich-bin-ein-besonderer-Fall”-Antwort des Boomers auf das soeben Gesagte. (Nun, auf die Gefahr hin, boomeristisch selbstbezogen zu klingen, sehen Sie mich an: Ich bin sogar Redakteurin dieses bekannten spirituellen Magazinswie sehr habe ich jedoch selbst die Boomeritis!) Boomeritis ist stärker und dringt tiefer als man sich vorstellen kann. Tatsächlich sind sowohl die Abgrenzung des Spirituellen von „anderen” Aspekten des Lebens, als auch die Identifikation mit sich selbst als einer „spirituellen” Person klassische Formen von Boomeritis. Denn sehen Sie, obwohl die Boomer eigentlich nach Höherem als den materialistischen Errungenschaften der Generation des Zweiten Weltkriegs suchten und viel zur Wiederbelebung der Spiritualität im Westen beigetragen haben, ist doch durch den Makel des Materialismusetwas für sich selbst haben oder an etwas festhalten zu wollenein Großteil der Boomer-Spiritualität beschmutzt und der geistigen Ebene das Heilige entzogen worden. Boomeritis ist die materialistische Übernahme des Spirituellen um der narzisstischen Befriedigung willen. Auf den folgenden Seiten möchte ich mit Ihnen teilen, was ich über die Boomeritis in Erfahrung gebracht habedieser Kraft, die gegen den evolutionären Ruf aus der Zukunft arbeitet und die heutige spirituelle Welt in so hohem Maße infiziert hat.

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