HABEN SIE SICH JE ALS Erkenntnistheoretiker betrachtet? Erkenntnistheorie: das Studium vom Wesen und den Grenzen des Wissens/der Erkenntnis. Igitt, welch ein Brocken einer von diesen ellenlangen Begriffen, wie man sie in Philosophie-Seminaren regelmäßig zu hören kriegt. Nun, wie wäre es mit einem anderen Ansatz? Haben Sie je den erregenden Triumph miterlebt, wenn ein Baby seine ersten Schritte macht? Oder hat Sie je die Erfahrung verblüfft, plötzlich auf wundersame Weise all die vielen Einzelteile in einem anderen, ganz neuen
Verhältnis zueinander zu sehen? Haben Sie sich gar gefragt, wie es möglich ist, dass Sie und eine andere Person dieselbe Sprache sprechen, dieselben Wörter benutzen und sich trotzdem nicht wirklich verstehen können? Mit anderen Worten: Ist Ihnen je aufgefallen, wie absolut
bemerkenswert, komplex und manchmal auch frustrierend die menschliche Lern- und Erkenntnisfähigkeit ist? Dann haben Sie vielleicht doch etwas von einem Erkenntnistheoretiker. Das ist Erkenntnistheorie
im Stil eines Robert Kegan: Er befreit sie aus den Philosophie-Seminaren, um sie für eine siegreiche Suche nach Sinn für unser lebenslanges Ringen um Wissen und Verstehen einzusetzen. Der bekannte
Harvard-Entwicklungspsychologe Robert Kegan hat die Evolution des Bewusstseins über die Zeitspanne eines Menschenlebens aufgezeichnet und dabei enthüllt, wie das Selbst durch Veränderungen der Subjekt-Objekt-Beziehung transformiert wird.
Ja, ganz recht die Subjekt-Objekt-Beziehung. Nun blättern Sie bitte nicht gleich weiter! Zugegeben, das klingt reichlich abstrakt und vielleicht auch recht langweilig, aber offen gesagt ist
gerade sie, wie Kegan erklärt, der springende Punkt bei der Transformation des Bewusstseins. Überlegen Sie einmal: Wenn der große indische Philosoph und Lehrer J. Krishnamurti uns auffordert, an seinen Beobachtungen und Untersuchungen teilzuhaben, indem er fragt: „Warum ist da diese Spaltung in mir das ‚Ich' und das ‚Nicht-Ich'?”, dann weist er auf eben jene Beziehung zwischen
Subjekt (Ich) und Objekt (Nicht-Ich) hin. Kegan erklärt, dass unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit durch diese Spaltung bestimmt ist. Das, womit wir uns als Subjekt identifizieren und was wir für
Objekte halten, begründet letztlich den Unterschied zwischen
einem Baby und einem Buddha. Die meisten von uns befinden sich irgendwo dazwischen. Die Transformation der Subjekt-Objekt-
Beziehung ist in der Tat auch das Ziel vieler spiritueller Praktiken,
ermöglicht sie uns doch, wirklich objektiv zu werden und zu erkennen, was wirklich wahr ist. Vielleicht sind wir alle insgeheim ja doch Erkenntnistheoretiker?
Es war aber nicht nur Kegans Herangehensweise an die Erkenntnistheorie, weswegen wir auf ein Gespräch mit ihm so gespannt waren. Kegan ist Humanist im besten Sinne. Er legt Zeugnis ab für „die erstaunlich vertraute Suche nach Sinn”, die unser Bemühen um Würde angesichts der überwältigenden Größe des Universums und der fragilen Endlichkeit
unseres Lebens prägt. Wenn wir Kegan zuhören, dann bestaunen wir Seite an Seite mit ihm das Wunder der Transformation, das sich
in den unzähligen schöpferischen Momenten entfaltet, aus denen unsere stete Suche nach Wissen und Erkenntnis besteht. An der
Bewusstseinsentwicklung im Erwachsenenalter interessiert ihn vor allem die Frage, welcher Bewusstseinsgrad uns Menschen befähigen kann, den Erfordernissen unserer pluralistisch-postmodernen Gesellschaft gerecht zu werden. Diese Frage geht Kegan keineswegs theoretisch an. Als Vater, Therapeut, Berater und Professor
(er hat den William and Miriam Meehan-Lehrstuhl für Erwachsenenbildung und berufliche Entwicklung in der Fakultät für Bildung und Erziehung der Harvard-Universität) kämpft er an vorderster Front, um Menschen in ihrer Evolution und Transformation zu unterstützen. In dem folgenden Gespräch lässt uns Kegan an seinem
Wissen über die konkreten Mechanismen und häufig synkopierten Rhythmen der menschlichen Transformation teilhaben und die dringende Notwendigkeit spüren, uns weiter zu entwickeln, damit wir den Anforderungen unserer sich immer schneller wandelnden Welt gerecht werden können.



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