MAN MUSS NICHT DIE CHAOSTHEORIE VERSTEHEN, um jenen neuen Typus der Firmenorganisation wertzuschätzen, den Dee Hock auf diesem Planeten ins Leben gerufen hat, ein organisatorisches Paradigma, welches durchaus den nächsten Schritt in der
kollektiven Evolution der menschlichen Familie repräsentieren könnte. Man muss noch nicht einmal etwas über gemeinschaftliche Strukturen wissen oder einer verborgenen Leidenschaft für institutionelle Reformen frönen. Alles, was man tun muss, ist, in Ruhe eine Schneeflocke betrachten, über einen Wald nachsinnen, über die Nervenzellen des Gehirns nachdenken oder seine
Visa-Karte benutzen dann wird man den komplizierten, mannigfaltigen Schwarm pulsierender Impulse und multidimensionaler Informationsverknüpfungen wertschätzen, der alles hervorruft, was im
geschaffenen Universum existiert. Das klingt verblüffend? Nun, wie eine Gruppe von Wissenschaftlern gerade herausfindet, ist dieses chaotisch-geordnete Schwirren die Ausdrucksform der Welt, und wenn man sich einmal die Zeit nimmt um darüber nachzudenken wirklich intensiv darüber nachzudenken oder lange Waldspaziergänge zu unternehmen wie Dee Hock, dann wird man vielleicht feststellen, dass man auf den Wellen wundersamer und komplizierter Ordnungen reitet, die sich schäumend auf dem Kamm des Chaos bilden. Wenn man tief genug schaut, entdeckt man die Wahrheit über die Architektur der gesamten Evolution, und darum geht
es in dieser Ausgabe von Was ist Erleuchtung?: um lebendige Transformation.
Dee Hock ist der Gründer und frühere Vorstandsvorsitzende von Visa International, dem erfolgreichsten Unternehmen der Erde. Könnte dieser ehemalige ‚Bankmanager mit Gewissen' ein so unwahrscheinlich es auch klingen mag Held der Evolution sein? Laut Hock verdankt Visa seinen Erfolg der Struktur, die nichts Geringeres ist als ein Wachrufen der „cha-ordischen” Gesetze der Natur. Hock prägte den Begriff chaordisch, um die perfekte Ausgewogenheit zwischen Chaos und Ordnung zu beschreiben, in der die Evolution sich am wohlsten fühlt. Ja, es stimmt. Ein Geschäftsunternehmen, welches seine
Anleihen bei „Mutter Evolution” nimmt, deren „Markenzeichen” Dynamik, sich stetig wandelnde Veränderung und explosive Originalität sind, ist stets bestrebt, das euphorische Ausgreifen der Schöpfung zu erneuern, zu bereichern und zu immer neuen Manifestationen auszudehnen.
Wenn Sie nicht glauben, dass etwas so Banales wie das
Plastikkärtchen in Ihrer Brieftasche, die Visa-Karte, Teil des Evolutionsplans sein könnte, dann ziehen Sie doch einmal Folgendes in
Betracht: Visa International
... ergreift für keine politische, ökonomische, soziale oder rechtliche Theorie Partei und transzendiert auf diese Weise Sprache, Sitten, Politik und Kultur und verbindet dabei
erfolgreich eine verblüffende Vielfalt von mehr als 21.000
Finanzinstituten, 16 Millionen Geschäftsleuten und 800
Millionen Menschen in 300 Ländern und Regionen. Visa wächst weiterhin um über 20 Prozent jährlich, das sind
1,4 Billionen Dollar. Eine Belegschaft von etwa 3000 Menschen, verteilt auf einundzwanzig Büros in dreizehn Ländern auf vier Kontinenten, sorgt ... rund um die Uhr für einen reibungslosen Betrieb zweier globaler Kommunikationssysteme mit Tausenden von Datenzentren, welche über neun Millionen Meilen Glasfaserkabel miteinander kommunizieren. Seine elektronischen Systeme bewältigen in einer Woche mehr Transaktionen als die Notenbank in einem Jahr.
Hock hat Visas spektakulären Aufstieg und seine eigene philosophische und persönliche Odyssee in einem Buch namens Birth of the Chaordic Age beschrieben. Geschickt nimmt er darin Vermutungen auseinander, von denen wir nicht einmal wussten, dass wir sie hatten, Annahmen darüber, wie es dazu kam, dass wir alles und jedes ordnen, organisieren und konfigurieren, von unseren Schreibtischen über unsere Institutionen bis zu unseren Denkmustern.
Hock schrieb Birth of the Chaordic Age Ende der neunziger Jahre, lange nachdem er sich von dem florierenden Unternehmen Visa getrennt hatte. Er hatte den Großteil seines Ruhestands der
Revitalisierung der ausgelaugten Böden seiner Ranch gewidmet, bis er eines Nachts, so heißt es, bei der Lektüre von Mitch Waldrops Buch Complexity (über die Chaos-Theorie) auf jenen Seiten in für ihn unheimlicher Weise genau jene Prinzipien wiedergegeben fand, auf die er sich beim Aufbau von Visa berufen hatte. Sein idyllischer Ruhestand sollte ein baldiges Ende finden (eine faszinierende Geschichte, die man in seinem Buch nachlesen muss).
Sie überlegen nun vielleicht, wie eine chaordische Organisation aussehen mag, und wenn Sie Hock fragten, würde er wahrscheinlich auf eine Schneeflocke oder den Flügel einer Biene hinweisen. Aber glücklicherweise erklären sowohl sein Buch als auch die Webseite der gemeinnützigen Organisation, die er mitbegründete (The Chaordic Commons, www.chaordic.org) dieses Phänomen fesselnd und detailliert. Im Prinzip ist eine chaordische Organisation eine sich-selbst-organisierende und sich-selbst-entwickelnde Einheit, welche eher
einem nervenartigen Netzwerk (wie dem Internet) als einer hierarchisch organisierten Bürokratie ähnelt, bei der die Entscheidungsgewalt an der Spitze zentralisiert ist und von dort durch eine Kette von wohl regulierten Abteilungen und Managern hinuntersickert. Chaordische Organisationen fürchten weder Veränderung noch Innovation. Sie sind von Natur aus äußerst anpassungsfähig, tendenziell alles mit einbeziehend, multizentrisch und distributiv und bilden letztendlich, da sie unerschütterlich auf allgemeine Ziele und Kernprinzipien fokussiert sind, einen starken Zusammenhalt. Falls Sie sich das nicht so richtig vorstellen können: Dafür gibt es einen guten Grund, und den wird Hock in dem folgenden Interview erläutern.
Weshalb diese Ausgabe von Was ist Erleuchtung? Dee Hock einfach mit einbeziehen musste einen organisatorischen Neuerer, dessen persönliche Risikobereitschaft und bewusstes Schälen der Zwiebel des Lebens zum Aufblühen einer neuen kollektiven Lebensform geführt hat hat folgenden Grund: Obwohl unser spiritueller Kanon zum Bersten voll von Beispielen persönlicher Transformation ist, hat er sich selten mit den Schwierigkeiten einer echten kollektiven Transformation befasst. Und weil die Fähigkeit der Vielen, wie Eines zu kommunizieren, sich zu verbinden und zu koordinieren, vielleicht die einzige Hoffnung der Zukunft der Menschheit ist, dachten wir, dass das, was Dee Hock anzubieten und unter Mühen auf der Basis persönlicher Erfahrungen erarbeitet hat, nichts Geringeres ist als ein großartiges Beispiel dafür, in welche Richtung wir Menschen uns bei unserem nächsten großen evolutionären Schritt wenden könnten. Hock hat bewiesen, dass eine sehr große Anzahl von Individuen unter der Bindekraft eines vereinigenden Ziels zusammenkommen kann, während gleichzeitig die Autonomie eines jeden beteiligten Individuums gesteigert statt geschluckt wird. Es wäre eine Untertreibung zu sagen, dass sowohl das Individuum als auch die Gemeinschaft in diesem Arrangement voneinander profitieren, denn im Idealfall setzt der komplizierte Tanz zwischen dem Teil und dem Ganzen immerfort neue kreative Fähigkeiten in beiden frei. Hock bietet erfrischende Wahrheit dar und beweist, dass es für eine vereinte und gleichzeitig ganz unterschiedlich zusammengesetzte Gruppe möglich ist, ihren Weg durch turbulente Veränderungen hindurch zu finden, dabei beständig zu wachsen und sich zu transformieren und dabei gleichzeitig die verborgenen Potenziale einer unbekannten Zukunft mit einzuschließen.
Und schließlich stellte uns Hocks eigene Odyssee vor die Frage: Was ist nötig, um in dieser verrückten, geschäftigen Welt, die auf dem schmalen Grat zwischen Rettung und Katastrophe hin- und herschwankt, voll und ganz chaordisch zu sein? Müssen wir, wie Hock vorschlägt, ständig unseren Geist [Engl.: mind] von alten, sich hartnäckig haltenden Newton'schen Konzepten reinigen, die wie eine unsichtbare Linse sind, durch welche wir eine mechanistische und kontrollierbare Welt erblicken? Welche Art von Hingabe wäre von unserer Seite erforderlich, um unsere alten Denkmuster
abzuwerfen, so dass wir beginnen könnten, den allgegenwärtigen
Genius des Designs der Evolution unmittelbar wahrzunehmen? In dem folgenden Interview spricht Dee Hock mit WIE über die enormen Implikationen des „chaordischen Zeitalters”, welches vor über dreißig Jahren begonnen haben könnte, unter anderem, weil dieser ganz normale Bankmanager, der sich umschaute, sah, was da vor sich ging, eine Unmenge Fragen stellte und handelte.



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