ROBERT WRIGHTS INTERESSE an der menschlichen Natur und an der Geschichte der Evolution erwachte mit der aufkommenden evolutionären Psychologie. "Die menschliche Natur und Psychologie haben mich schon immer fasziniert", erzählte uns Wright am Telefon seines Hauses in Princeton im US-Staat New Jersey, "und unabhängig davon auch die Vorstellung von Evolution als einem kreativen Prozess. In meiner College-Zeit in den Siebzigern verschmolzen die zwei Fachbereiche Evolution und Psychologie zur sogenannten Soziobiologie, aus der dann später die Evolutionäre Psychologie wurde." Dass die Frage nach der Bedeutung und dem Sinn des
Lebens die "kosmische Frage", wie er es nennt eine solche Anziehungskraft für ihn hat, liegt vielleicht an seiner traditionell christlichen Erziehung. Jedenfalls brachte sie ihn von einer erfolgreichen journalistischen Karriere er schrieb unter anderem für The New Republic und The Atlantic Monthly und schreibt zur Zeit die "Earthling"-Kolumne für das Online-Magazin Slate und in Anerkennung seiner Leistungen als Mitglied der Avantgarde der evolutionären Psychologen, zu einer Gastprofessur in Psychologie an der Universität von Pennsylvania. Wrights Leidenschaft für diese große Frage bewog uns dazu, mit ihm über die Entwicklung der Evolutionstheorie nach Darwin zu sprechen. In seinem ersten Buch über evolutionäre Psychologie, The Moral Animal (dt.: Diesseits von Gut und Böse. The moral animal. Die biologischen Grundlagen unserer Ethik), zeigt er auf geniale Weise anhand von Darwins eigenem Lebenslauf, welche Auswirkungen ein Verständnis der evolutionären
Psychologie für das Alltagsleben hat. Eingedenk der Tatsache, dass sehr viele unserer scheinbar freien Entscheidungen von einem genetischen Imperativ gesteuert sind, stellt er sich ohne Zögern den schwierigen ethischen Fragen, die mit einem tieferen Verstehen der Mechanismen der menschlichen Natur auftauchen. In seinem Buch gelangt er mit vorsichtigem Optimismus zu der Prognose, dass die Menschheit das Potenzial besitzt, zugunsten eines höheren Zwecks von dem rücksichtslosen Verfolgen eines Eigeninteresses abzusehen, und macht an diesem Punkt keineswegs Halt. In seinem nächsten Buch, Nonzero, erweitert er diese Perspektive, indem er nicht nur die biologische, sondern auch die kulturelle Entwicklung untersucht. Kühn stellt er die These auf, dass die Evolution in stärkerem Maße auf kooperativen Übereinkünften beruht, als auf reinem Wettbewerb nach dem Motto: "Der Stärkste überlebt". In seiner Gesamtschau auf die kreative Logik des Lebens kommt Wright zu der Erkenntnis, dass der nächste evolutionäre Schritt eine Ethik der Kooperation von uns verlangt, die auf der tatsächlich existierenden Interdependenz allen menschlichen Lebens beruhen muss.
Das am meisten Beeindruckende an Wright ist seine intellektuelle Ernsthaftigkeit und Integrität. Er wahrt die feine Linie zwischen empirischer Wissenschaft und metaphysischer Spekulation wie nur wenige Wissenschaftler. Obwohl er behauptet, dass natürliche Auslese die Entwicklung des Lebens auf diesem Planeten die Komplexität menschlichen Lebens eingeschlossen nahezu vollständig erklären kann, schließt Wright daraus nicht, wie andere Darwinisten, auf die Nichtexistenz Gottes oder eines höheren Prinzips im Kosmos. Gleichzeitig findet er die spirituelle Perspektive des Jesuitenpaters und Paläontologen Teilhard de Chardin sehr überzeugend, obwohl er Teilhards spirituelle Behauptungen nicht wissenschaftlich verifizieren kann. Im folgenden Interview führt Wright uns bis an den äußersten Punkt, an den empirische Evolutionstheorie gelangen kann: zur Annahme einer tieferen Bedeutung, welche durch die Evolutionstheorie zwar nahe gelegt wird er erinnert uns jedoch daran, dass es an uns liegt, ob das Experiment des Lebens auf diesem Planeten weitergeht oder nicht.



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